Newsletter 02 / 2010

    Subject Corner

Christa Zeipelt
Genitalverstümmelung - Das geht mich nichts an! Das ist weit weg. – oder:
Die Verfilmung des Buches „Wüstenblume“ - die Lebensgeschichte der Waris Diri


Kennen Sie das, Sie begegnen jemanden der/die ihnen von einem Buch erzählt das sie unbedingt lesen sollten, eine Autobiografie die unter die Haut geht. Aber mal ehrlich, irgendwie haben sie gerade ganz andere Probleme. Der Mann/ die Frau steht kurz vor einer wichtigen Entscheidung die sie auch betrifft. Die Kinder sind gerade in einer besonders schwierigen Phase (Pubertät, wann hört das wieder auf???). Der Job ist auch nicht ohne und jetzt auch noch so eine dramatische Autobiografie, also nein, das geht mich nichts an.
Das Buch und das Thema hat man zur Kenntnis genommen und geht zur Tagesordnung über. Irgendwann ist es aus dem eigenen Wahrnehmungshorizont verschwunden. Das nennt man dann erfolgreiche Verdrängung oder kontrolliertes Problembewusstsein.
Ist ihnen diese Art „Problembewusstsein“ auch bekannt? „O Gott, das ist wirklich schlimm und eigentlich sollte ich mich mal damit auseinandersetzen. Da muss doch jemand was tun! Wieso macht denn die Politik nichts dagegen?“
So ging es mir, als mir vor Jahren von Waris Diris Buch „Wüstenblume“ berichtet wurde. Schrecklich, aber leider bin ich gerade selbst mitten in einem Krisenherd, der alle meine Energie kostet. Da muss man auch mal „Nein!“ sagen und so beschließe ich: „Das geht mich jetzt nichts an. Das ist weit weg und das Buch lese ich später.“

Was denken Sie bei dem Spruch. „Man begegnet sich immer zweimal im Leben.“? Vielleicht, dass man seinem Benehmen dem Gegenüber nicht unbedacht freien Lauf lassen soll, da man sich ja noch einmal begegnen könnte und nie weiß, welcher Eindruck dann mit einem verbunden wird. Der Spruch kann aber auch so interpretiert werden: „Manchmal gibt einem das Leben eine zweite Chance, z.B. Entscheidungen zu korrigieren oder sein Verhalten zu ändern.“
So geht es mir, bei dem Thema weibliche genitale Verstümmelung, die mein Problembewusstsein mit einem Schlag verändert hat.

Im September lief die Verfilmung des Buches „Wüstenblume“, in den deutschen Kinos an; die Lebensgeschichte der Waris Diri und - soviel wusste ich noch - es geht auch um weibliche genitale Verstümmelung (auch Female Genitale Mutilation abgekürzt FGM genannt) Das Buch stand ungelesen im Bücherregal, den Film aber wollte ich mir unbedingt ansehen. Meine Freundinnen winkten ab, zu Problem-beladen, kein Bedarf. So ging ich allein. Auf sehr einfühlsame aber auch sehr eindrückliche, bedrängende und ungeschönte Art und Weise wurde ich mit der Grausamkeit einer Tradition eines Nomadenvolkes konfrontiert dem dieses kleine Mädchen zufällig angehört. Die kleine 5 jährige Waris wird gewaltsam und ohne jegliche Betäubung an Klitoris und großen und kleinen Labien beschnitten und anschließend mit Dornen zugeheftet. Schrecklich Schreie durchdringen das Kino, das Mädchen bleibt in einer riesigen Blutlache alleine in der Wüste zurück. Die Mutter, die sich zur Beschneidung mit einer alten Beschneiderin in der Wüste trifft, muss zu ihrer Nomadenfamilie zurück. Die kleine Waris ist ihrem Schicksal völlig allein überlassen. Die Schreie, das Blut erschüttern und wirken. Dann ein Schnitt. Waris mittlerweile im heiratsfähigem Alter, soll zwangsverheiratet werden. In dieser Not. Zu einer Heirat mit einem um einige Jahrzehnte älteren Mann ist sie nicht bereit. Auch müsste sie für den Geschlechtsverkehr von ihrem Mann aufgeschnitten werden. Sie verlässt ihre Familie. Tagelange läuft sie durch die Wüste Somalias, ausgetrocknet, hungrig und mit blutigen Füssen, völlig ermattet erreicht sie ihre Großmutter in Mogadischu. Die Verwandtschaft ist alles andere als erfreut über diese Flucht. Sie beschließt, dass sie nicht zurück zur Nomadenfamilie gehen aber auch nicht bei ihnen bleiben kann. So wird sie nach England gebracht, wo sie bei einem entfernten Verwandten, der Botschafter Somalias ist, als Haushaltshilfe arbeitet. Es folgen Fragmente und Retroperspektiven aus ihrem Leben, die ihren Weg zum Topmodel nachzeichnen, ebenso nachdenkliche Fingerzeige, die auf die Folgen und Probleme der Fematalen Genitalen Mutilation hinweisen. Lange schmerzhafte Toilettenaufenthalte, weil die Beschneidung nur eine Stecknadelkopf große Öffnung für Urin und Menstruationsflüssigkeit offen lies. Eine Pflegekraft, ( in diesem Fall aus Somalia kommend), verweigert ihr, durch psychischen Druck ,die vom Arzt angebotene Hilfe. Man beschimpft sie als schändliche Verräterin. Waris verlässt das Krankenhaus.
Aber in dieser Frau steckt ein ungeheuerer Mut, eine Kraft, eine Vision von einem anderem Leben als das, was sie bisher kannte. Waris hat bei allem Leid in ihrem Leben gelernt, sich ihren Platz in dieser Welt zu erkämpfen. So geht sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder ins Hospital und nimmt die dringend benötigte Hilfe an. Der Film zeichnet ihren Weg in die Modewelt bis zu ihrem Sonderbotschaftsauftrag in der UNO nach.
Dieser Film will aufklären und anrühren, aufwecken und bewegen. Die Botschaft ist klar, es ist Zeit, dass wir alle die Augen und Ohren aufsperren, hier ist ein Thema, das darf nicht beiseite geschoben werden, FMG geschieht heute und mitten unter uns.
Ich gehe aus dem Kino und denke, das ist unglaublich, da muss man doch was tun. Kein Mensch da, mit dem ich diese Eindrücke besprechen könnte. Ich fahre durch die Stadt und der Film arbeitet in mir. Schrecklich, wie kann so was passieren, ich höre die Schreie des kleinen Mädchens und denke, was kann ich tun? In den nächsten Tage versuche ich mich abzulenken, zu beschwichtigen, rede mir zu, das ist eine grausame Tradition, die religiösen Riten entspringt, die ich nicht beurteilen und die ich nicht verhindern kann. Dann aber denke ich, sehe ich das kleine Mädchen in der Wüste schreiend, in einer riesigen Blutlache und weiß, ich muss was tun. Ich setze mich an den Computer und recherchiere. Ich stoße auf die Seite von Waris Diri Foundation und von da zu anderen Seiten die sich mit FMG auseinandersetzen und darüber informieren. FMG gibt es nicht nur in Afrika, ebenso in Kurdistan, Uganda, Tansania und anderen Ländern. FGM wird immer noch praktiziert, obwohl es mittlerweile in vielen Ländern verboten ist. Es passiert heute und direkt unter uns. Kleine oder heiratsfähige Mädchen von nebenan sind ein Opfer ihrer traditionsbewussten Eltern. Ärzte, Hebammen und auch Pflegekräfte sind die Handlanger dieser Tradition und beschneiden teilweise sogar Säuglinge und Mädchen bis 12 Jahre. Mutilation ist mit den Migranten nach Deutschland und auch in andere Migrationsländer gekommen. Ich beschließe, es geht mich an, ich tue jetzt was! Nur was? In Wari Diris Manifest lese ich: „Ich will, dass alle, die im Gesundheitssystem arbeiten, über FGM informiert sind und wissen, wie sie mit den Opfern umgehen sollen und wie sie ihnen helfen können.“ Ich überprüfe, ob ich da wirksam sein kann und weiß, da wo ich bin, kann ich erste Schritte in die Wege leiten. Jetzt gehe ich einen ersten Schritt, und dann schaue ich was passiert.

In verschiedenen Seminaren und Veranstaltungen weise ich auf die Problematik und Aktualität der FMG hin und bitte die ZuhörerInnen sich über die Waris Diri Foundation weitere Kenntnis über FMG einzuholen. Zeige Möglichkeiten und Freiheiten der Unterrichtsgestaltung und der Rahmenlehrpläne auf, wie man das Thema in die Ausbildung holen kann. Bei einer Zusammenkunft mit Kolleginnen bitte ich um Unterstützung und Überprüfung, inwieweit jede ihr Wirkungsspektrum nutzen kann, um Einfluss zu nehmen.
Zufällig ist eine Kollegin die Herausgeberin der Zeitschrift Padua und bittet mich einen Artikel zu diesem Thema zu schreiben.
Heute habe ich die Möglichkeit Sie, verehrte Leser und Leserinnen, anzusprechen und Sie über die Female Genitale Mutilation zu informieren. Ich bitte Sie, klären Sie sich und ihre Mitarbeiter über FGM auf! Überprüfen Sie ihre Möglichkeiten, wo Sie ganz persönlich an ihrem Platz einen Beitrag leisten können, dass Opfer genitaler Verstümmelung die Hilfe bekommen, die sie brauchen. Informieren Sie sich, wo sie sich engagieren können und helfen Sie, das Mädchen aus Migrationsländern ihre weibliche Identität entwickeln und ohne Beschneidung leben können.

Gut, dass wir manchmal im Leben eine zweite Chance bekommen. Nutzen wir sie!

Weitere Informationen erhalten Sie unter anderem
bei:
http://www.waris-dirie-foundation.com/de/

Terre des Femmes
Frauenrechtsorganisation mit einer Anti-FGM-Kampagne. Macht vor allem Öffentlichkeitsarbeit. Materialien für SchülerInnen, LehrerInnen, Gesundheitsberufe, MigrantInnen.
Postfach 2565 - 72015 Tübingen
tel.:(0 70 71) 79 73-0
http://www.frauenrechte.de
http://www.terre-des-femmes.de

FORWARD Germany
(Foundation for Women’s Health, Research and Development)
Seit 1985 in Großbritannien und Nigeria aktiv, seit 1998 auch in Deutschland. Aufklärungsarbeit unter AfrikanerInnen mit einem Mädchenprojekt und einem Familienzentrum.
FORWARD-Germany e.V.
Martin-Luther-Str. 35
60389 Frankfurt am Main / Deutschland
http://www.forward-germany.de

INTACT e.V.
(Internationale Aktion gegen die Beschneidung von Frauen und Mädchen)
Verein unter dem Vorsitz von Christa Müller. Aufklärungsarbeit im Schwerpunktland Benin, aber auch in Deutschland.
Johannisstrasse 4
D-66111 Saarbrücken, Deutschland
Tel. +49-(0)681-32400
info@intact-ev.de
www.intact-ev.de

Stop mutilation e. V. - Düsseldorf
(somalischer Frauenverein)
Aufklärungskampagnen in Deutschland und Somalia, der Verein informiert verschiedene Berufsgruppen über das Thema.
J. Cumar
Gustorferstr. 12
D-40549 Düsseldorf
Tel: +49 (211) 5 06 57 45
j.cumar@stop-mutilation.org
www.stop-mutilation.org