Newsletter 01 / 2010                 

    Subject Corner

Sozial benachteiligte Familien- Gesundheit und Bildung nur für Reiche?
von Eva Maria Schuster

Einem großen Teil unserer Bevölkerung geht es materiell immer besser. Und dennoch entsteht in vielen Ländern weltweit eine neue Form der relativen Verarmung. Sie ist ausgelöst durch hochdynamische globale Entwicklungen, in deren Folge es große Verlierergruppen gibt. Seit der größten Weltwirtschaftskrise nach dem 2. Weltkrieg ist dies noch einmal stärker spürbar. Mobilität und Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt sind gefordert, Solidarität bezogen auf die Familie und den unmittelbaren Nahraum gerät dabei ins Hintertreffen.
Armut und soziale Benachteiligung, das sind in der Fachöffentlichkeit seit mehr als einem Jahrzehnt zentrale Themen. In der allgemeinen öffentlichen Debatte wird die Angst der Deutschen, persönlich betroffen sein zu können, ebenfalls überdeutlich. Selbst gut etablierte Milieus der Mittelschichten zeigen nach Umfragen schwerwiegende Zukunftsängste. Neben der hohen Arbeitslosenquote dürfte hier die eigenartige Spreizung der Sozialstruktur, eine Zunahme an den Polen „Arm“ und „Reich“, Angst machend sein. Es ist bereits Allgemeingut, dass die Einkommensschere zwischen reichen und armen Bevölkerungsschichten immer weiter auseinander geht. An dieser Stelle soll keine neue Armutsdiskussion geführt werden. Es ist jedoch nicht möglich, soziale Benachteiligung ohne die dahinter liegende materielle Armut zu verstehen.
Damit Menschen den zahlreichen Anforderungen modernen Lebens gerecht werden können, sind die sozioökonomischen Rahmenbedingungen von herausragender Bedeutung für die Gestaltung der Lebenswelten der Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen. Die Mehrzahl der von sozialen Notlagen betroffenen Menschen durchläuft eine oder mehrere Phasen von Armut, die negative Auswirkungen auf ihre gesamte Entwicklung haben können.

1. Über den Zusammenhang von Armut und sozialer Benachteiligung
Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zum sozialen Wandel in Deutschland haben sich die Nettoeinkommen der ärmsten 10% der Bevölkerung im Zeitraum 1996 bis 2005 um fast 5% verringert, während sich das Nettoeinkommen der reichen 10% unserer Bevölkerung um 10% erhöht hat. 51% des gesamten Volksvermögens gehört 10% der Bevölkerung.
Auf der einen Seite existieren mehr Haushalte, die im Bereich von Armut und prekären Verhältnissen leben, auf der anderen Seite wächst die Zahl der Haushalte, die den gehobenen Einkommen zugerechnet werden. Ihren Ausdruck findet diese Spreizung in allen Lebensbereichen, insbesondere aber in Strukturen des Bildungs- und Ausbildungsbereiches und der Gesundheitsvorsorge.
Nachweisen lassen sich Zusammenhänge von Armut und Benachteiligung durch zahlreiche Untersuchungen. Armut steht in einem engen Zusammenhang zu öffentlichen Transferleistungen: Die BezieherInnen von Sozialgeld, Arbeitslosengeld I und II sind überdeutlich benachteiligt, sie stellen die zentralen Gruppen dar, die von Benachteiligung betroffen sind. So sind 1/3 der Sozialgeldbezieher unter 18 Jahren alt, sind also Kinder und Jugendliche.
Deutschland ist kein kinderfreundliches Land. Zu diesem harten Urteil kam der Kinderschutzbund Ende 2002 mittels einer umfangreichen Studie. Kinder zu haben ist nicht erst seit dem 8. Kinder- und Jugendhilfebereicht ein von der Bundesregierung anerkanntes Armutsrisiko. Während 1977 nur jedes 75. Kind von Sozialhilfe abhängig war, benötigte im Jahre 2004 bereits jedes 8. Kind zumindest temporär öffentlichen Transferleistungen. Derzeitig lebt in Deutschland jedes 6. Kind in oder am Rande von Armut. 12% aller Sozialhilfen gehen an allein erziehende Mütter. Während die Sozialhilfequote für alle betroffenen Haushalte zwischen 1997 und 2005 um 7,8% sank, nahm die Sozialhilfequote bei Familien mit mehreren Kindern um 52% zu.
In den letzten Jahren hat sich der Trend von der Altersarmut zur Kinderarmut verlagert. Die stärksten Zunahmen sind bei Kindern unter sieben Jahren zu verzeichnen. Es wird deshalb von einer Infantilisierung oder Familialisierung von Armut gesprochen.
Das Staatsinstitut für Familienforschung der Uni Bamberg hat aufgrund des Familiensurvey 2000 festgestellt, dass 1,1Mill. Familien kinderreich sind (14,7%), das heißt, dass in diesen Familien mindestens drei Kinder leben. Unter den Kinderreichen sind überdurchschnittlich viele sehr reich und sehr arm. Bei Familien mit unterdurchschnittlichem Einkommen führt Kinderreichtum geradewegs in die Armut.

Armut steht in engem Zusammenhang zur Nationalität: Für Menschen mit Migrationshintergrund kann eine überdurchschnittliche Benachteiligung festgestellt werden. Von den bereits genannten 1,1, Millionen Kinderreichen sind 30% Zuwandererfamilien. Für diese Familien treffen die bereits erwähnten Armutsrisiken in besonderem Maße zu, sie sind die ärmste Gruppe in Deutschland.
Ebenfalls steht Armut in engem Zusammenhang zur sozialen Schicht wie den unteren Milieus unserer Gesellschaft und damit zu Bildung und Ausbildung. Insbesondere diejenigen, die über eine niedrige oder keine zertifizierte Bildung verfügen, sind von Benachteiligungssituationen besonders stark betroffen. Der Bildungserfolg hängt neben der individuellen Leistungsfähigkeit und den sprachlichen Voraussetzungen erheblich von der Schichtzugehörigkeit ab. Dieses Kriterium finden wir gleichermaßen bei deutschen wie Migrantenkindern. In keinem anderen OECD Land ist der soziale Ort der Geburt derartig bestimmend für die Aufstiegsmöglichkeiten eines Menschen wie in Deutschland. Eine Aufwärtsmobilität sei in den letzten 20 Jahren nicht zu erkennen, heißt es lapidar in den letzten Sinusmilieustudien. Das heißt im Klartext – Einmal unten immer unten.
Die benachteiligten Gruppen in der Bevölkerung sind damit ausgemacht: Es sind die kinderreichen Familien, besonders solche mit vielen kleinen Kindern; die Alleinerziehenden; Jugendliche mit geringer Bildung sowie Migrantenfamilien.
Erkennbar ist, dass es sich bei sozialer Benachteiligung um ein gesamtgesellschaftliches Strukturproblem handelt, dass sich zwar individuell zeigt, jedoch nur zu einem kleinen Teil individuell verursacht ist. Sie durchzieht dabei alle Lebensbereiche der Betroffenen.
Wir können also festhalten, dass sich soziale Benachteiligung darin zeigt, dass Personen die volle Teilhabe an gesellschaftlichen Vollzügen und Erträgen verwehrt wird, dass soziale Benachteiligung insbesondere dort angenommen werden kann, wo die Ausgangsbedingungen der persönlichen und sozialen, der schulischen und beruflichen Entwicklung gestört sind.

2. Benachteiligung und Gesundheit
Die hohe Bedeutung der sozioökonomischen Rahmenbedingungen für den Grat der sozialen Benachteiligung, möchte ich Ihnen am Beispiel der Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen darstellen.
Dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Krankheit gibt, haben zahlreiche sozial- und naturwissenschaftliche Untersuchungen belegt. Es wird hierbei zwischen horizontaler und vertikaler Ungleichheit differenziert. Die horizontale Ungleichheit untersucht Strukturen, die bei ähnlich verfügbaren Ressourcen und gesellschaftlichen Chancen zu Benachteiligung aufgrund unterschiedlicher Erkrankungsgefährdungen führen. Hier spielen beispielsweise der individuelle Lebensstil, die berufliche Tätigkeit und Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. Die vertikale Ungleichheit berücksichtigt ungleiche soziale Chancen und gesellschaftliche Ressourcen, wie beispielsweise den Zugang zu medizinischer Versorgung.
Erkennbar ist, dass es bei Erwachsenen vorwiegend zur sozialen Selektion kommt; d.h. chronisch schlechte Gesundheit erhöht das Armutsrisiko. Bei Kindern überwiegt der Kausationseffekt; wer in Armut aufwächst, hat als Erwachsener eine schlechtere Gesundheit. Bestimmte Bevölkerungsgruppen, die von horizontaler und vertikaler Ungleichheit besonders betroffen sind, haben ein signifikant erhöhtes Erkrankungs- und Sterberisiko:
• Kinder unter 15 Jahren
• Alleinerziehende Mütter
• Familien mit mehr als drei Kindern
• Langzeitarbeitslose
• MigrantInnen
• Wohnungslose
• Zukünftig auch verstärkt alte Menschen, chronisch Kranke und Behinderte

Es lassen sich konkrete Zusammenhänge zwischen dem sozialen Status und Krankheit belegen, so z.B. für das Auftreten von Herzinfarkten (2-3fach erhöht), Schlaganfällen (2-3fach erhöht)und Krebs- und Lebererkrankungen. Eine Analyse der Mikrozensusdaten von 2002 ergab, das Kranken- und Unfallverletztenanteil bei SozialhilfeempfängerInnen wesentlich höher liegt als beim Durchschnitt der Bevölkerung. Bei Kindern, die unter prekären sozioökonomischen Rahmenbedingungen aufwachsen, lässt sich eine deutlich höhere Infektanfälligkeit feststellen, ebenso häufigere Zahnerkrankungen und psychosomatische Beschwerden.

Neben der aufgezeigten erhöhten Morbidität kann eine höhere Mortalität für sozial benachteiligte Menschen belegt werden. Kinder, die Sozialhilfe beziehen, sind deutlich häufiger als andere Kinder von Verkehrsunfällen mit tödlichem Ausgang betroffen. Die Müttersterblichkeit von Migrantinnen ist deutlich erhöht, ebenso die Sterblichkeit von arbeitslosen Menschen (2,6 fach), auch die Suizidrate bei arbeitslosen Menschen ist im Vergleich zu Erwerbstätigen dramatisch. Wer in Deutschland ein Einkommen von nur 15.000 Euro jährlich zur Verfügung hat, hat gegenüber einem Arbeitnehmer mit 30.000 Euro jährlichem Einkommen ein doppelt so hohes Sterblichkeitsrisiko. Und: Arbeiter haben eine doppelt so hohe Sterblichkeit wie Akademiker.
Materielle Aspekte und das Verhalten von Menschen sind dabei aufs engste miteinander verschränkt. Aufkommende Probleme greifen dabei schnell auf bisher unproblematische Bereiche über, infizieren gleichsam auch die gesamten Lebensbedingungen der Menschen. So wird der Besuch beim Zahnarzt immer wieder verschoben, werden Vorsorgeuntersuchungen für nicht relevant erklärt, weil Gelder für die Busfahrt oder die Praxisgebühr längst in andere, nähere Bedürfnisse geflossen sind. Bei Untersuchungen zum Gesundheitsverhalten benachteiligter Menschen fällt auf, dass das bestehende medizinische Angebot die Menschen nur unzureichend oder gar nicht mehr erreicht.

• Präventive Gesundheitsvorsorgeangebote wie Impfungen oder Vorsorgeuntersuchungen werden selten wahrgenommen. Diese Angebote sind für viele benachteiligte Menschen bereits zu hochschwellig.
• Das gesundheitsgefährdende Verhalten ist oft durch schon in der Kindheit einsetzenden Nikotin- und Alkoholkonsum geprägt.
• Die Ernährung ist durch fettreiche und vitaminarme Kost gekennzeichnet.
• Teilweise kommt es zu erheblichen Selbstmedikationen mit Sucht fördernden Arzneimitteln, insbesondere bei Frauen.
• Gewalterfahrungen bei Frauen und Kindern, verbunden mit Verletzungen und Folgeschäden bleiben meist unbehandelt.

3. Benachteiligung und Bildung
Ein weiterer, vielleicht der einflussreichste Faktor, an dem Benachteiligung sichtbar wird, ist die Bildung.
Die Bundesregierung erklärt im 11. Kinder- und Jugendbericht die herausragende Bedeutung der Bildung für die Chancengleichheit im Zugang und der Nutzung von Lebenschancen. „ Allgemeine Bildung und berufliche Bildung sind nicht nur der Schlüssel zum Arbeitsmarkt und die beste Vorbeugung gegen Arbeitslosigkeit, sondern tragen auch maßgeblich zu einem erfüllten persönlichen und gesellschaftlichen Leben bei“ (S.16). Hier anerkennt die damalige Regierung, dass Bildung eine zentrale Ressource der Lebensbewältigung darstellt.
Der Öffnung der Schule in ihr soziales Umfeld wird seitens der Bundesregierung eine hohe Bedeutung beigemessen. Hierbei geht es nicht nur darum, schulische Lernprozesse lebensweltnäher zu gestalten, sondern auch die Orientierung der SchülerInnen auf Aufgaben von Gemeinwesen und Arbeitswelt hin zu lenken.
Seit Pisa, Iglu und OECD-Studien wissen wir nicht nur um das ungünstige Kompetenzniveau (Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenzen) deutscher SchülerInnen. Wir wissen auch, dass

• die Praxis des deutschen Schulsystems, auf unterdurchschnittliche Schülerleistungen mit Zurückstellung, Sitzenbleibenlassen oder Schulwechsel zu reagieren, im internationalen Vergleich einzigartig ist. Vor allem die Zahl der misslingenden Schulkarrieren ist in Deutschland extrem hoch.
• in keinem anderen OECD-Land Bildungsbeteiligung und Lernerfolg der SchülerInnen so stark von der sozialen Herkunft abhängen. Familiäre Bildungsbenachteiligungen können durch Kindergarten und Schule nicht ausgeglichen werden. Die Jungen schneiden dabei besonders leistungsschwach ab. Hier bieten alle anderen 30 OECD-Länder höhere Integrationschancen.
• Kinder, deren Eltern nicht Deutsch sprechen, werden in Deutschland schlechter gefördert als in anderen vergleichbaren Einwanderungsländern. Kinder mit Migrationshintergrund sind bei schlechten Leistungen deutlich überrepräsentiert. Das trifft auch auf Kinder und Jugendliche zu, die in Deutschland geboren sind.

In der internationalen Bildungsforschung findet sich der Befund, dass gerade einmal 30% der relevanten Kompetenzen für eine gelingende Lebensführung als Wirkung schulischer Bildungsprozesse bestimmt werden konnten. 70% sind in nicht formalen und informellen Lernfeldern erworben. Junge Menschen sind folglich auf eine umfassende Kultur des Aufwachsens angewiesen. Soziale Arbeit ist also aufgefordert, den eng geführten Bildungsbegriff zu öffnen. Wenn wir dieses Wissen zum Wohle der Förderung benachteiligter Kinder- und Jugendlicher umsetzen wollen, dann

• muss Bildung als Prozess verstanden werden, der deutlich über die rein formalen Lernmöglichkeiten der Schule hinausgeht. Bildungsprozesse müssen ganzheitlich gedacht und in den Lebenswelten der Betroffenen gestaltet werden. Notwendig ist eine Abkehr von der Funktionalisierung des Menschen für verwertbare Prozesse der Arbeitswelt. So verstanden, hat Bildung den ganzen Menschen mit seinen Möglichkeiten im Blick und sperrt sich gegen die Kurzsichtigkeit der Verzweckung für sich ständig verändernde Ansprüche.
• müssen endlich auch die Bildungsbedürfnisse behinderter Menschen mitgedacht und nicht wieder zur Seite geschoben werden.

4. Lebensgefühl und Zukunftshoffnungen
Das Leben von Menschen mit sozialer Benachteiligung bedeutet, dass sie auf der gesellschaftlichen Prestigeskala außerordentlich niedrig rangieren. Auf den Zusammenhang von Gesundheit, Lebenserwartung und sozialem Status wurde bereits eingegangen, ebenso darauf, dass der soziale Ort der Geburt in Deutschland in erheblichem Maße über die Bildung und die Aufstiegschancen bestimmt. Befragungen ergeben eine starke Dichotomie in der Wahrnehmung der eigenen Benachteiligung im Verhältnis zur Durchschnittsbevölkerung, die als ein „Ihr da oben, wir hier unten“ verstanden werden kann. Das Gefühl und die Wahrnehmung der eigenen Situation entsprechen dabei durchaus den gesellschaftlichen Realitäten. Da diese Situation auf der materiellen Ebene auch kaum veränderbar ist, breitet sich bei den Menschen ein Klima der Resignation, Apathie und Hilflosigkeit aus. Positive Zukunftsperspektiven können kaum entwickelt werden, die Menschen befinden sich quasi im Banne der Vergangenheit. Die Planungsperspektive ist dementsprechend kurzfristig, Konsum und Illusionsbildung sorgen für eine gewisse Entlastung von dem Druck eines drastisch reduzierten Hoffnungspotenzials.

Kinder, die in solchen Familien aufwachsen, erleben ihre Eltern als Erzieher, deren Lebensentwurf von der Aussichtslosigkeit, gesellschaftlich anerkannte Ziele zu erreichen, geprägt ist. Sie leiden an einem tief greifenden Wertkonflikt, der zum einen in dem Bedürfnis nach Konformität und Anpassung an die Gesellschaft erkennbar ist, sich zum anderen aber auch in trotziger Auflehnung gegen den Chancenentzug zeigt. Das alltägliche Leben wird von Gefühlen des Versagens, von Schuld und Scham darüber begleitet, das es nicht gelingt, die eigene soziale Lage aus eigenen Kräften zu ändern.
Und darüber hinaus belegen Untersuchungen, dass Kinder aus solchermaßen belasteten Familien als Erwachsene quasi eine „Wiederholung“ der schwierigen Situation leben. Wir sprechen hier von Mehrgenerationendynamiken, weil sich die Art und Weise zu leben, die Form des Umgangs mit Konflikten teilweise bis ins Detail „sozial vererben“.

5. Soziale Verantwortung und konkrete Praxis
Mit der Frage, „Welche Definition von Sozialer Gerechtigkeit halten Sie für zutreffend“ untersuchte die TNS Forschung für das Magazin „Spiegel“ die aktuelle Werthaltung der deutschen Bevölkerung.
Soziale Gerechtigkeit ist, wenn der Staat darauf achtet,

1. dass alle die gleichen Chancen für ihre Entwicklung haben, zum Beispiel bei Schulbildung und beruflicher Ausbildung, dann aber jeder selbst sehen muss, was er daraus macht trifft zu 82%, trifft nicht zu 14%
2. dass für alle Bürger, unabhängig von ihren Leistungen, ein menschenwürdiges Dasein gesichert und ein Abgleiten in die Armut verhindert wird. trifft zu 79%, trifft nicht zu 19%

Erkennbar ist ein breiter Konsens in der Bevölkerung darüber, dass Menschen die gleichen Startchancen haben sollten und Aspekte von Eigenverantwortung erst in der Erwachsenenwelt greifen sollten. Gleichmaßen erscheint ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen, unabhängig von Leistungen der einzelnen, erstrebenswert. Ein solchermaßen breiter Konsens für Chancengleichheit und Menschenwürde zeigt das Verantwortungsgefühl der Deutschen und drückt sich auch in anderen Zusammenhängen aus (z.B. sind die Deutschen Spendenweltmeister).
Soziale Verantwortung als Werthaltung bedarf jedoch der konkreten Praxis, die sich an den Bedürfnissen und Lebenslagen benachteiligter Menschen je neu orientieren muss. Gefordert werden müssen deshalb

• eine ausreichende materielle Versorgung der Familien, die eine Teilhabe an allen relevanten gesellschaftlichen Prozessen ermöglicht
• Zeitnahe, unkompliziert einsetzende Hilfen im Gegensatz zu langen Verwaltungswegen
• Kenntnis der konkreten Lebenswelt und Nähe zum Alltag der Betroffenen statt standardisierter Hilfen, die an ganzen Zielgruppen orientiert sind
• Perspektivwechsel hin zu einem ökosozialen Denk- und Handlungsverständnis statt der Individualisierung gesellschaftlicher Problemlagen
• Ressourcenorientierung statt der Ausrichtung auf Defizite und Problemlagen
• Stärkung des Menschen als Subjekt seines Lebens: Respekt vor den Verständnis- und Handlungsmustern der AdressatInnen
• Orientierung an der Eigenheit und den jeweiligen Zeithorizonten der Betroffenen statt Orientierungen an gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität und vorgegebenen Zeitstrukturen

Literatur
Allmendinger, J. u.a.: Bildungsarmut. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Jg 21/22

Arbeiterwohlfahrt Bundesverband (2007): Sozialpolitische Bilanz. Partizipation, Beteiligung von Menschen mit Armutserfahrung, Berlin

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2001). Familienselbsthilfe und ihr Potenzial für eine Reformpolitik von unten. In: Materialien zur Familienpolitik, Nr. 15, Berlin

Robert Koch Institut (2006): Symposium zur Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland, Berlin